Der letzte Tag…

Donnerstag

Bin nicht sicher, ob ich erleichtert oder traurig bin.

 

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Na ok ziemlich froh, ehrlich gesagt 😛 Aber ich gebe zu, dass die Sache so gut gelaufen ist, dass es mich dazu gezwungen hat, mein Verständnis von Schönheit zu betrachten.

Vor ein paar Monaten hat eine Freundin mir ein Buch geliehen, Traum aus Stein und Federn, (Birds without Wings, Louis de Bernières) in dem ein atemberaubend schönes Mädchen mit ihrer Nachbarin, eine tscherkessische Geliebte, Schönheit bespricht. Vor dem Spiegel zeigt die Geliebte, wie man Schönheit selbst schafft, wie man sie wie einen schimmernden Schleier um sich ziehen kann…Das Zitat da oben ist von diesem Buch genommen-

She was an imposter in half a dozen ways, and yet it seemed that God had smiled.

 

Es geht um das bildschöne Mädchen, Philothei.

Die Schönheit ist eine Bezauberung, man nimmt sie an. In dieser Weise über Schönheit zu denken gefällt mir.

 

Heute war es sonnig. Ich saß mit einem Freund zusammen, wir tranken Kaffee. Die Sonnenstrahlen wärmten mein Gesicht, und ich dachte an ein anderes Zitat in dem Buch l’écume des jours (Boris Vian): la lueur restait sur leurs lèvres/Das Leuchten blieb auf ihren Lippen. Mit tastbaren Sonnenstrahlen auf den eigenen Lippen habe ich endlich vergessen, dass ich keine Schminke trug, und habe über ein paar hübsche Franzosen angelächelt, die vorbei gingen.

“Steht dir irgendwie, keine Schminke zu tragen,” sagt der Freund.

 

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Standard

Enthüllungen: Die Guten, die Bösen und die Hässlichen

Mittwoch

Enthülling 1: Die russische Prüfung um 9Uhr war nur eine Probeklausur.

Enthüllung 2: Es gab doch einen Aufsatz am Ende- unerwartet.

Enthüllung 3: Ich fühle mich ziemlich wohl heute. In Frieden. Obwohl ich heute morgen die Augen mit Mascara nicht offen kleben durfte, wie üblich, wenn ich um 9h morgens Unterricht habe und sehe immer noch so blass aus, wie eine Komparsin in Shaun of the Dead aus.
Ich forschte tiefer in meinen düsteren Gedanken in Bezug auf diese vergängliche Auffassung Schönheit nach, und fragte mich, warum ist es wichtig, schön zu sein? Bin ich auf der Suche nach einem Partner?

 

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Oh dear God no.

Zurückwerfen, zurückwerfen, zurückwerfen.

Das bedeutet nicht, dass es nicht viel los in meinem Bett ist. Es ist immer super beengt.

 

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Aber wenn ich niemanden anlocken will, wieso habe ich Angst, ungeschminkt zu sein? “Weltberühmte Damen haben ihre Marotten.” (Fast) alle haben ihre eigene Eitelkeiten. Ich nahm an, wenn man schön aussieht, andere einem zuhören werden. Aber ich habe herausgefunden, dass egal wie ich aussehe, meine Freunde mit mir sprechen, man mir während des Unterrichts zuhört, Abgeordnete wahrscheinlich über Politik mit mir diskutieren…Ohne Schminke rumzulaufen bricht die Welt nicht zusammen. Meine Anekdoten sind genau so lustig (oder nicht) wie vorher…meine Anmerkungen während des Unterrichts über russische Krimis sind genau so analytisch…das war ziemlich befreiend.

Als Übung, hat das Experiment mir geholfen, den Selbstwert von dem Aussehen zu entwirren. Ich weiß nicht, wie sie verbunden worden sind und ich weiß nicht, ob ich die einzige bin, die sich so fühlt. Ich vermute, nein. Es war echt schön, mit diesem Gedanken zu brechen und man bemerkt, als junges Mädchen, dass alle unsere früheren Vorbilder in der Öffentlichkeit sehr gutaussehend sind,  nie müde aussehen und immer perfekt geschminkt sind. Klar ist das nicht gut und es wird häufig besprochen, dass gesellschaftlicher Druck negativ auf das Selbstbild wirkt. Früher dachte ich nur im Rahmen von Gewicht oder Kleider daran, aber offenbar ist es so verwurzelt in der Einstellung, dass ich ungern irgendeine Unvollkommenheit auf dem Gesicht zeige, sei das Müdigkeit oder was auch immer.

Ich glaubte ehrlich, dass ich es nicht schaffen konnte und das Schönste war die Enthüllung, dass mein Selbstwert mit Schminke geschmückt ist, und nicht andersrum.

 

Später am Mittwoch

Kostenloser Wein und Käse? Meine Freunde halten mich immer auf dem Laufenden. Ich bin mit Aloe-Vera ausgerüstet (Dorfgeschenk/Hautpflege für eine Freundin) dorthin gelaufen und wir verbrachten einen großartigen Abend neben dem mit Käse gedeckten Tisch. Ich liebe diese zauberhaften Abende, wo man vorhat, eine Stunde zu bleiben aber nach 4 Stunden sitzt man immer noch da, mit Käse und Krümeln bedeckt, beim Besprechen der neulich entdeckten gemeinsamen Liebe zu Pony-Büchern als junges Mädel.

 

 

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Bis jetzt, kein Erbrechen. Und weitere Meldungen des Tages…

Montag

Im Gegensatz zu meinen Erwartungen, versuchte niemand mich heute wiederzubeleben, wegen meiner geisterhaften Blässe. Gut. Ich hatte dieselben alltäglichen Probleme wie immer- zur rechten Zeit Hausaufgaben vorzubereiten, Bücher in die Bibliothek zu bringen, Romain Duris zu googeln, mir es klar machen, dass Romain Duris zu googeln NICHT HAUSAUFGABEN IST…Probleme, auf die jeder normale Mensch stoßt, oder?

Ich habe sogar entschieden, meinen Auftritt in der Öffentlichkeit zu verlängern, und ging mit einem Freund zu einem von dem Feminist-Verein organisierten Vortrag an der Uni, der unglaublich toll war. Der arme Ian, ich habe ihn überzeugt, mitzukommen aber habe glücklicherweise vergessen, ihn zu informieren, worum es ging. Kurz und knapp sagen wir mal, dass Ian jetzt sehr viel über die Geschichte und Etymologie jedes Wortes für Vagina weiß.

 

 

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Mein Traummann. Verschwitzt, Fahrrad, Filmstar, und mehrsprachig.

Ich verrate nie, wie lang es gedauert hat, dieses Foto zu wählen. Aber es war doch Hausaufgaben…und wir alle wissen, wie gründlich ich meine Hausaufgaben mache…

 

Dienstag

Niemand fragt mich, was los ist. Sind sie einfach zu höflich zu sagen, dass ich zerzaust wie der Arsch eines Dachses aussehe, als wir so schick im Dorf sagen? Eher möglich, dass es niemanden angeht und ist anderen einfach egal, wie ich aussehe. Das beweist, dass dieses ausgedachte Unbehagen nur in meinem Kopf ist, und es ist mir wichtig, schön auszusehen. Hmmm.

Am Abend, ging ich noch einmal zu einem tollen Vortrag, diesmal über die Unabhängigkeit von Schottland und künftige Zusammenarbeit mit Frankreich. Der Gast war ein französischer Abgeordneter im schottischen Parlament-  ein YES Befürworter, dessen Optimismus ansteckend war. Ich habe mich ihm nach der Rede zusammen mit einem französischen Freund genähert und wir haben ein bisschen gequatscht, und es ist uns gelungen, sogar auch einen französischen Linker zu finden, mit dem wir die französische politische Szene und die unangenehme knappe Verbindung zwischen Journalismus und Politik in Frankreich diskutieren konnten.  Ein erfolgreicher Abend!

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Samstag – Ist das Justin Bieber?

Tut mir Leid, dass ich dich so enttäusche, mein lieber Bruder, aber ich bin’s. Wegen des kurzen Haarschnitts und des spitzen, blassen Gesichts, muss ich zugeben: der hat vielleicht Recht.

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Mit dieser Spitze gegen mich frisch im Kopf, fasste ich Mut, wieder nach St Andrews zu reisen.

Angenehme Überraschung: Mein Buch war so interessant, dass als ich wieder zu Bewusstsein kam, ich mich schon in Leuchars fand. Und es war schon dunkel, und das bedeutet, dass niemand mich sehen konnte. Treffer!

Sonntag

Während des aufregenden Ausflugs nach Morrisons um ermäßigte Lebensmittel zu kaufen, stieß ich auf keine Probleme (oder Bekannten) und flanierte ruhig und ungeschminkt nach Hause.

Aber. Morgen ist Montag. Das heißt, Unterricht, die Welt, Leute auf die Straße und in der Bibliothek werden mich ohne Schminke sehen. Ich habe auch eine Menge Arbeit zu erledigen, aber wie gesagt, ich bin die Königin von Multitasking und während ich einen sowjetischen Krimi auf Russisch lese, vorbereite ich mich auf den Kampf…

 

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ICH BIN SO BEREIT!!

 

 

Link

Ich fange allerdings morgen an, oder?

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Donnerstag im Bus/Zug/Flugzeug/Auto meines Vaters

Ich habe mich an etwas Positives erinnert. Ich fliege zurück nach Hause (mein lieber Dorf!!!) und nehme kein Gepäck mit (Übersetzung: kann es mir nicht leisten, Gepäck mitzunehmen). Im Handgepäck darf man keine Flüssigkeiten tragen, aber das ist doch kein Problem, wenn ich keine Schminke dabei habe!

Um. War das was Positives?

Aber heute muss ich nicht darüber rätseln- heute Abend im Dorf feiern wir den Geburtstag meines Bruders- er ist 21 – und alle werden dabei sein- sein Freund, unsere Nachbarn, unsere Eltern und ohne Zweifel jede Menge Wein. Dass ich keine Schminke dabei habe, kann ich morgen bereuen.

 

Freitag

 

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Ich bereue so viel.

 

Silvy (unsere Katze) und ich trinken Tee im Bett. Wir kriegen das hin.

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Sooo…ich gucke 10vor10 (keine Lindenstraße bis Sonntag), Silvy und ich, wir essen mein Frühstück und…das ist alles. Normalerweise jongliere ich mit Löffel, Müsli, Wimperntusche, Laptop, Wörterbuch und Makeup Tasche und am Ende, wenn ich mehr Schminke auf dem Gesicht als Joghurt habe, nenn ich das einen erfolgreichen Multitasking-Morgen. Und jetzt – leere Hände. Gefällt mir irgendwie nicht. Und bis jetzt ist es mir gelungen, über das wachsende Unbehagen (es hat vielleicht etwas mit meinem nackten Gesicht zu tun) nicht wirklich nachzudenken.

Keine Zeit jetzt. (Schade!) Auf der Tagesordnung: Putzen, Mittagessen bei einer Freundin, mir die Haare schneiden lassen und alle die Probleme meiner Freundinnen lösen. Am Ende Kapitel 10 schlossen Silvy und ich mein Buch, und der Tag fing an.

PS Für die, die sich meinen Dorf nicht vorstellen können:
Hier klicken. Sie werden es nicht bereuen.*

Später am Freitag

WARUM HABE ICH DAS HAUS OHNE SCHMINKE VERLASSEN?
Ah hier ist’s, die Panik, die ich seit dem Anfang erwartet habe. Ich habe genau dasselbe seltsame Gefühl, als ich mir zum ersten Mal die Haare kurz schneiden ließ- warum gibt’s so viel freien Platz ums Gesicht? Es ist ungefähr wie, wenn du die Brille abnimmst und Kontaktlinsen trägst. Etwas ist anders, und du bist nicht sicher, ob das dir gefällt oder nicht…

Ich habe den Eindruck, dass alle mich angucken.

Laut Logik, guckt niemand mich an. Wieso sollten sie? Ich sehe für sie nicht anders aus, ich bin nur daran gewöhnt, ein gepflegtes Gesicht im Spiegel zu sehen. Die durch die Straßen flanierenden Einkäufer sehen nur ein blasses Mädchen. Na und?

Vielleicht werden meine Freunden/Bekannten an der Uni anders reagieren, weil sie nicht daran gewöhnt sind, aber im Moment, muss ich nur mit meiner Familie und meinen Freundinnen rechnen, (ok und Tescos) und sie lieben mich, egal wie ich aussehe.

Und genau so ist der Tag gelaufen- meine Freundin und ich haben ein schickes Mittagessen vorbereitet und am Abend (wieder im Dorf), ließ ich mir die Haare schneiden und hing mit meinen Nachbarn rum. ❤
Ich bin nur einmal in Panik geraten und das war schnell vorbei. Ich fühle mich nicht ganz wohl, aber ehrlich gesagt, stört das mich nicht so viel, wie ich erwartet habe. Vielleicht weil ich keine Zeit hatte, mir Sorgen zu machen.

Ich habe allerdings morgen sehr viel Zeit im Auto/Flugzeug/Zug/Bus nach St Andrews, die Tiefe meiner schattigen Gedanken darüber zu erforschen.

Aber gerade jetzt? …Hundemüde

 

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*das war gelogen

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Auf etwas verzichten…

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Ziel: eine Woche lang auf etwas verzichten, was man sonst täglich benutzt & einen Blog darüber schreiben.

 

Mittwoch

Worauf kann ich eine Woche lang erfolgreich verzichten? Ich lehne die hilfreichen Vorschläge meiner Mitbewohnerin verzweifelt ab- ich würde sie nie durchhalten. Ich sitze hier, verwende gleichzeitig meinen Computer und das Handy, esse bei einer Kette gekauften Schokolade, trinke Tee, gucke Um Himmels Willen und bestelle Latzhosen online. Das ist mehr als die Hälfte der Vorschlagsliste auf einmal.

Donnerstag

Ich hab’s. Es steht schon seit langem auf der St Andrews Bucket List und wird mich entweder umbringen oder…ok ich kann im Moment nichts Positives darin sehen aber es ist doch eine super gute Idee.
Meine Mitbewohnerin und ich haben letztes Jahr entschieden, dass wir ein Experiment für eine Woche machen sollen- ich werde mich eine Woche lang nicht schminken und sie wird sich schminken, weil sie sich normalerweise nie schminkt und ich…das ist eigentlich etwas, was ich täglich mache und mein Instinkt sagt mir, dass ich das huere schwierig finden werde. Bin nicht sicher, ob ich wirklich die Gründe dafür wissen will…habe ich solch ein schwaches Selbstvertrauen? Schätze ich mein Aussehen so sehr? Bin ich so seicht, dass es mich stören würde, eine Woche ein bisschen müde auszusehen? Oder werden Leute einfach kotzen, wenn sie mein ungeschminktes Gesicht sehen?

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